Nr 01 | 13.01.2023

Mit der Krise in das Schneckenhaus! Rückzugsverhalten als Veränderungswirkung der Krise - Sozialer Aufstieg früher leichter als heute - 3 von 4 Österreicher:innen haben Abstiegsängste!

Krisen verändern unser Leben. Was mit der Corona-Pandemie begann, vertieft sich nun im Bewusstsein der Österreicher:innen: 8 von 10 empfinden eine hohe Veränderungswirkung, die sich relativ gleichmäßig durch alle Bevölkerungsgruppen zieht. Deutlicher Anstieg dieses Eindrucks seit 2020. Dazu kommt der Glaube, dass die aktuelle Jugend eher schlechtere Zukunftsaussichten als ihre Elterngeneration hat. Im Verhältnis von 55 zu 17 überwiegt der Pessimismus. Im Trend zu 2016 ist dieses Ergebnis trotz der aktuellen Krisen ähnlich ausgeprägt.

Herr und Frau Österreicher glauben noch an den sozialen Aufstieg: Fast drei Fünftel gehen davon aus, dass man sich durch eigene Kraft hocharbeiten kann, nur ein gutes Viertel widerspricht dieser Aussage. Interessantes Detail: Im Trend seit 2017 nimmt der Glaube an die österreichische "Tellerwäscher Story" deutlich ab.

Dies hängt vielleicht auch damit zusammen, dass das sogenannte 'Hocharbeiten' früher leichter eingeschätzt wird als heute. 43 Prozent gehen von einem leichteren Weg nach oben aus, etwa ein Drittel glaubt an keine Veränderung und nur 15 Prozent der Befragten glauben, dass es früher – also vor 20 bis 30 Jahren – schwieriger war als heute. Hier entwickelt sich der Trend im Vergleich zu 2017 eher in Richtung Stabilität, also ähnlichen Möglichkeiten im Vergleich.

Abstiegsängste spürbar und deutlich gestiegen: 3 von 4 Österreicher:innen haben Angst davor, dass sie sich viele Dinge im Leben, die sie sich gerne leisten würden, bald nicht mehr leisten können. Dieser Eindruck zieht sich durch alle soziodemografischen Gruppen und hat somit auch den Mittelstand erreicht. Seit 2016 hat die Angst um rund 20 Prozentpunkte zugenommen.

Reaktion auf die Krise: Rückzug. Herr und Frau Österreicher scheinen weniger mit anderen Menschen über gesellschaftliche Dinge zu diskutieren (56% voll und ganz / eher), weniger Nachrichten zu verfolgen (51% voll und ganz / eher) und sich zu Hause zurückzuziehen (41% voll und ganz / eher).

Ludwig Erhard – deutscher Wirtschaftsminister und Verantwortungsträger für das deutsche Wirtschaftswunder in der Nachkriegsgesellschaft – sprach sich immer klar für den sozialen Aufstieg aus und gab dies auch als gesellschaftliches Versprechen aus: Wer etwas leistet, soll auch durch seinen Fleiß und seine Leistungsbereitschaft gesellschaftlich aufsteigen können.

Dieses Aufstiegsversprechen gilt in den Augen der Österreicher:innen nicht mehr ganz so. Es wird zwar mehrheitlich von der Möglichkeit des Aufstiegs ausgegangen, aber dies gilt als schwieriger als wie vor 20 bis 30 Jahren und ist in dieser Meinungsdimension rückläufig.

Mit März 2020 begann eine Zeit mit eng aufeinanderfolgenden Krisen, die die Österreicher:innen bis heute in Atem hält. Die Corona-Pandemie hatte eine schon hohe gefühlte Veränderungswirkung, mittlerweile gilt diese als vertieft. Krisen verändern unser Leben. Was mit der Corona-Pandemie begann, vertieft sich nun im Bewusstsein der Österreicher:innen: 8 von 10 empfinden eine hohe Veränderungswirkung. Ein Drittel geht von besonders starker Veränderung aus, kaum jemand zweifelt grundsätzlich an diesem Trend.

Folgende Dimensionen der öffentlichen Meinung sind in diesem Zusammenhang auch relevant:

  • 55 Prozent gehen von schlechteren Zukunftsaussichten der heutigen Jugend im Gegensatz zur Elterngeneration aus.
  • 28 Prozent gehen davon aus, dass man sich heute nicht mehr durch eigene Kraft und Arbeit zu viel Erfolg und Wohlstand hocharbeiten kann. Anstieg seit 2017 um 8 Prozentpunkte
  • 43 Prozent gehen davon aus, dass es früher leichter war, sich hochzuarbeiten. In der Tendenz steigt die Mittelposition, also dass die Schwierigkeit gleich geblieben ist.

Zu diesem bereits etwas tristen Bild der Grundstimmung kommt noch ein besonders erwähnenswerter Befund: Ein Drittel der Bevölkerung hat enorme Abstiegsängste, weitere zwei Fünftel befürchten dies zumindest eher. Die Krisensituation hat die Mittelschicht voll erreicht. Die Angst des Verlustes greift um sich. Seit 2016 hat sich diese Angst um 20 Prozentpunkte verschärft.

Die Österreicher:innen reagieren unterschiedlich auf diese Situation. Manche verdrängen die Gegenwartsituation, manche sorgen vor, manche wiederum betreiben bereits Askese und manche ziehen sich zurück. Eine der möglichen Reaktionen auf die Krise ist somit der Rückzug. Herr und Frau Österreicher scheinen weniger mit anderen Menschen über gesellschaftliche Dinge zu diskutieren zu wollen (56% voll und ganz / eher), weniger Nachrichten zu verfolgen (51% voll und ganz / eher) und sich zu Hause zurückzuziehen (41% voll und ganz / eher). Die Welt ist kleiner geworden, aber nicht gemütlicher. So scheint es zumindest in den Augen der Bevölkerung.


Dokumentation    

Zeitraum der Umfrage: 28. September – 19. Oktober 2022

Sample: n=1.038 Personen, statistisch repräsentativ für die österreichische Bevölkerung ab 16 Jahren, Quotaauswahl, face-to-face, Mehr-Themen-Umfrage, IMAS International Eigenstudie

Archiv-Nummer der Umfrage: 022101

Vollständiger Report mit zusätzlichen Charts

Diese Reports könnten Sie auch interessieren

  • 12 | 2024 Shorty: Der Optimismus kommt zurück – aktuelles Ergebnis zeigt Trend zu mehr Zuversicht, wenn auch unterdurchschnittlich
    Zeitraum der Umfrage: 1972 - 2024
    Mehr erfahren
  • 11 | 2024 32 % in Österreich kochen täglich, 28 % mehrmals pro Woche – Trend zum Kochen steigt
    Mehr als 80 Prozent der Österreicher:innen greifen grundsätzlich zumindest monatlich zum Kochlöffel, zur Backform oder zur Grillzange. Das Kochen ist besonders stark in der Bevölkerung verankert – über 70 Prozent bereiten zumindest monatlich zu Hause selbst frische Gerichte zu, ein knappes Drittel sogar täglich. Das Ba-cken wird von rund 40 Prozent und das Grillen von rund der Hälfte der Österreicher:innen – zumindest monatlich – praktiziert. Kochen und Backen sind immer noch stark weibliche Domänen. Das Grillen hingegen liegt relativ ausgeglichen in der Präferenz der Geschlechter, wobei Männer etwas stärker vertreten sind. Die Motivlagen sind eindeutig: Fürs Kochen sprechen die gesunde Ernährung und die grundsätzliche Notwendigkeit, fürs Backen die Präferenz von selbst Gebackenem und die Anlassbezogenheit und fürs Grillen wird vor allem die passende Sommerzeit ins Treffen geführt.
    Mehr erfahren
  • 10 | 2024 Geschlechterneutrale Sprache: Kenntnis relativ hoch, aber Verwendung gering
    Nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in anderen Bereichen der österreichischen Sprachwelten, ist die Anwendung geschlechtsneutraler Formulierungen immer stärker präsent. In der Öffentlichkeit wurde in den letzten Jahren beispielsweise nicht nur durch die adaptierte Version der Bundeshymne, die Überarbeitung von Schulbüchern usw. eine kontroversielle Diskussion über die Notwendigkeit des Gebrauchs einer geschlechtsneutralen und geschlechtergerechten Sprache geführt, sondern mittlerweile füllt diese Entwicklung auch Wahlprogramme von Parteien. In manchen Bereichen der Verwaltung ist sie indessen untersagt.
    Mehr erfahren
  • 09 | 2024 Notwendigkeit von Reformen steht außer Streit - Aber Reformträgheit herrscht vor
    Die Alpenrepublik befindet sich in diesem Jahrzehnt in einem permanenten Krisenmodus: Als Beispiele dafür können Corona, die Inflation und Teuerung, der Krieg in Europa, der Klimawandel und die Migrationskrise als die wichtigsten Herausforderungen der Gegenwartsgesellschaft genannt werden.
    Mehr erfahren
Alle anzeigen