AKTUELLE DEMOSKOPISCHE STUDIEN
ZU WIRTSCHAFT & GESELLSCHAFT
NR. 13 | 2017

 

 
 

IMAS SONDERREPORT ZUR WAHLFORSCHUNG:
NEUE VDMI-QUALITÄTSRICHTLINIEN FÜR DIE SONNTAGSFRAGE

Basis: Österreichische Bevölkerung ab 16 Jahren

 

Aktuelle IMAS Sonntagsfrage zur Nationalratswahl: Dreikampf um die Nr. 1 - FPÖ, SPÖ und ÖVP liegen nahezu gleich auf, genau genommen würden die Freiheitlichen rund 27 Prozent der Wahlberechtigten erreichen, die SPÖ und die ÖVP liegen knapp dahinter bei rund 26 Prozent. Die GRÜNEN liegen bei rund 14 Prozent und die NEOS würden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Einzug ins Hohe Haus wiederum schaffen. Mit einem Blick auf die letzten acht Messungen zeigen sich unterschiedliche Trends: Die FPÖ dominiert weiterhin die Wahlpräferenz, kann aber ihren Höchstwert nicht halten, die ÖVP stabilisierte sich in der Nähe der Sozialdemokraten. Der Sonntagskorridor der SPÖ liegt zwischen 23 und 28 Prozent, bei den GRÜNEN innerhalb von 11 bis 16 Prozent. Die NEOS würden bei nahezu jeder Messung des letzten und heurigen Jahres in das Parlament einziehen und die vier Prozent-Hürde eindeutig überspringen.

Die Diskussionen des vergangenen Jahres rund um die Sonntagsfrage und die Einschätzung der Wahlpräferenz der Österreicher hat klar aufgezeigt, dass eine neue Erwartungshaltung an dieses Messinstrument schon längst überfällig ist. Dennoch sei darauf hingewiesen, dass viele der in den Diskussionen aufgebrachten vermeintlichen „Fehlprognosen“ der Marktforschung dem inzwischen so beliebten Faktencheck nicht standhalten:

Faktencheck 1: Die Wahl des 49. US-Präsidenten im November wurde korrekt vorhergesagt

Entgegen der medialen Legendenbildung und der Mär der falschen Umfragen liegen die Fakten rund um diese Wahl eindeutig auf der Hand: Neun von zehn US-Marktforschungsinstitute sahen Hillary Clinton im Popular Vote (also in repräsentativen Umfragen) vorne. Hillary Clinton erreichte auch mehr Stimmen als ihr Herausforderer am Wahltag, genau genommen mehr als 2,8 Millionen Stimmen als der republikanische Kontrahent.

Die Umfragen dazu wurden fast ausschließlich in der Methodik einer telefonischen Befragungskampagne (CATI) durchgeführt und nahezu alle zehn Befunde prognostizierten ihren späteren Sieg innerhalb der sogenannten Schwankungsbreite. Die Wahlmännersystematik der USA brachte zwar einen anderen Präsidenten, kann aber nicht als Regelgröße über die Aussage der repräsentativen, nationalen Umfragen herangezogen werden.

Im Übrigen hätte ein Blick auf manche demoskopischen Befunde in den Bundesstaaten - insbesondere in den Swingstates - gereicht, um zu erkennen, dass viele Wahlmänner zum damaligen Zeitpunkt eben noch nicht eindeutig in die blaue (DEM) oder rote (REP) „Tasche“ gezählt werden dürften.

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Faktencheck 2: Bei der BREXIT-Abstimmung der Engländer wurde ein Kopf-an-Kopf-Rennen prognostiziert

In den sechs am Tag vor dem Referendum veröffentlichten Umfragen lag viermal der Verbleib und zweimal der Austritt vorne. Alle Befunde waren sich über das Kopf-an-Kopf-Rennen sicher und artikulierten dies eindeutig. Das Ergebnis von 51,89 Prozent für den Austritt wurde also von den britischen Kollegen genauso knapp gesehen, wie es dann auch später eintrat. Die Ergebnisse waren somit nicht überraschend, auch hier kam es nicht zu einem Absturz der Meinungsforschung, sondern zu einem klaren, wenn auch knappen Bild des Meinungsklimas kurz vor einer Abstimmung.

Die beiden dargestellten Faktenchecks sind somit eindeutig und lassen die Legendenbildung der ach so schweren Prognostik und der oftmals zitierten fehlenden Deklarationsbereitschaft nicht zu. Es kam zu keinen sozial gewünschten Antworten und auch die Schweigespirale blieb aus.

Im Gegenteil, die Meinungsforschung zeigte sehr wohl, falls sie mit gewissen Qualitätskriterien durchgeführt wird und von Medien, Politikern und Öffentlichkeit richtig eingeschätzt und interpretiert wird, Erkenntnisgewinne für die Analyse der Gegenwartsgesellschaft. Insbesondere weit über die eigentlich nicht so „spannende“ Sonntagsfrage hinaus, hinein in die Insights der Bedürfniswelten, der neuen Kommunikationsformen oder auch der politischen Erwartungshaltungen der Bevölkerung.

Die Sonntagsfrage misst die Marktanteile aller Parteien zum IST-Zeitpunkt. Somit hat diese empirische Einschätzung nur eine kurze Halbwertszeit, die Sonntagsfrage hat also kaum Prognosefähigkeit für längere Zeiträume. Insbesondere folgende Effekte sind, neben der grundsätzlichen Notwendigkeit einer repräsentativen Stichprobe, bei veröffentlichten Ergebnissen vor einem Wahlsonntag zu berücksichtigen:

a.      Allgemeine Schwankungsbreiten (jedes Ergebnis ist „ungenau“ und unterliegt dieser Schwankungsbreite). Die Schwankungsbreite hängt von der Samplegröße ab und wird kleiner, je größer das Sample ist.

b.      Last Minute-Switchers (also Personen, die sich kurz vor der Wahl umentscheiden; Beeinflussung meist auch durch externe Faktoren.

c.       Last Minute-Deciders (also Personen, die sich überhaupt erst kurz vor dem Wahltag, wenn nicht gar in der Wahlkabine selbst, entscheiden)

d.      Medienwirksame Ereignisse kurz vor dem Wahltermin

e.      Anzahl der Nichtdeklarierten (in jedem Sample findet man eine gewisse Anzahl an Personen, die sich nicht über ihre politische Wahlabsicht äußern wollen)

f.       Waver (Personen, die sich vor den Wahlen immer wieder, also öfter, für eine andere Partei umentscheiden)


Österreichweit wurde nun im VdMI*) (Verband der Markt- und Meinungsforschungsinstitute Österreichs) gehandelt und mit der Festlegung von Qualitätskriterien der Anspruch an eine seriöse und glaubwürdige Wahlpräferenzeinschätzung unterstützt. Naturgemäß geht es aber nicht nur um die „richtige“ und wissenschaftliche Methodik, sondern auch um die in der heutigen Zeit notwendige Transparenz in der Datengewinnung und der Darstellung in der Öffentlichkeit.

Wichtige Qualitätskriterien: Ausreichende Stichprobengröße (mindestens 800 Personen), Verwendung der richtigen Stichprobenziehung und der richtigen Befragungsmethodik (telefonische und persönliche Befragung) sind hierbei als die wichtigsten zu erwähnen. Der reinen Online-Forschung wurde von den Instituten des VdMI für die repräsentative Marktforschung eine klare Absage erteilt. Im Anhang sehen sie alle Qualitätskriterien in einem Überblick und auch die notwendigen Inhalte für eine Veröffentlichung in Medien. Die Mitglieder des VdMI haben sich auch selbst verpflichtet, zusätzlich - innerhalb von 48 Stunden - die Kernaspekte einer in den Medien veröffentlichten Sonntagsfrage auf der eigenen Homepage auszuweisen. In Zukunft findet man somit unter folgendem Link die genauen Details der Wahlforschung von IMAS International:

http://imas.at/index.php/de/imas-marktforschung-de/wahlforschung-veroeffentlichungen

Mit dieser qualitätsorientierten Herangehensweise lassen sich trotz der vielen neuen Parteien, Bewegungen und Angebote die immer mobiler gewordenen Wählermärkte besser abbilden, mit allen bereits erwähnten Unschärfen.

*) Der VdMI (Verband der Markt- und Meinungsfor-schungsinstitute Österreichs) ist eine freiwillige und unabhängige Berufs- und Interessensvertretung der in Österreich tätigen Marktforschungsunternehmen. Der VdMI hat in einjähriger Arbeit Standesregeln für die Durchführung von Markt- und Meinungsfor-schungsstudien erarbeitet und nun veröffentlicht. Ein zentraler Bestandteil dieser Richtlinien ist die Richtlinie „Qualitätskriterien für die Erstellung und Veröffentlichung von Ergebnissen der Wahlfor-schung – sogenannte Sonntagsfrage in Medien - für alle Wahlgänge“. Nähere Informationen erhalten Sie unter vdmi.at.

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PDF des vollständigen Reports mit zusätzlichen Charts: IMAS Sonderreport zur Wahlforschung