AKTUELLE DEMOSKOPISCHE STUDIEN
ZU WIRTSCHAFT & GESELLSCHAFT
 
NR. 20 | 2018

 

 
 

IMAS BUCHNEUERSCHEINUNG: STATUS ÖSTERREICH – WAS DAS LAND DENKT, FÜHLT UND WAS ES WILL

Basis: Österreichische Bevölkerung ab 16 Jahren

 

Das Buch. Die Seele Österreichs in Daten, Zahlen und Kurven: Wie arbeiten, wie kommunizieren – wie leben wir? Wie ist die Stimmung im Land? Wie sicher fühlen wir uns, was erwarten wir von der Zukunft und wie viel haben wir für Fortschritt übrig? Paul Eiselsberg, Senior Research Director des Marktforschungsinstituts IMAS International, hält dem Land einen Spiegel vor. Wer hineinblickt, erlebt Überraschungen.

Die 4 Kapitel:

1. Österreich und die Grundstimmung: Was wir fühlen, was wir denken.

2. Österreich morgen: Was wir uns von der Zukunft erwarten.

3. Der Job, das Netz & das Leben als solches.

4. Österreich und die Politik: Was wir von den Big Playern halten.

 

Wenn die Orientierungslosigkeit sichtbar wird

Rund drei von fünf Österreichern haben den Eindruck, nicht mehr ganz sicher zu sein, was richtig und falsch in Politik und Wirtschaft und in allgemeinen Lebensfragen ist (voll und ganz + einigermaßen).

Eine grundlegende Orientierung zu wesentlichen Fragen des Zusammenlebens fehlt somit, sprich die Bevölkerung hat keinen eindeutigen Blick mehr auf Lösungsansätze und die darüber liegende Übersicht.

Im Detail: 19 Prozent der Befragten bestätigen diese Orientierungslosigkeit "voll und ganz", weitere 40 Prozent sind davon zumindest "einigermaßen" überzeugt. Der Gegenpol liegt bei 30 Prozent (21 Prozent "eher nicht" und 9 Prozent "überhaupt nicht") und ergibt somit in den äußersten Antworten ein Verhältnis von 19 zu 9.

Der Wandel ist zu schnell, komplex und ist unsicher – aber in der Tendenz positiv

Im August 2018 legte das IMAS Institut zur Einordnung des Wandels in diesem Buchprojekt 1.000 repräsentativ ausgewählten Befragten fünf Begriffspaare vor und bat sie, den Wandel anhand einer Entscheidung für einen der beiden Begriffe zu charakterisieren.

Der gesellschaftliche Wandel gilt auf jeden Fall als besonders schnell. Im Verhältnis von 59 zu 12 entscheiden sich die Österreicher für "schnell" im Vergleich zu "langsam".

Der gesellschaftliche Wandel ist auch unsicher, sprich im Begriffspaar "unsicher" und "sicher" votiert die Bevölkerung im Verhältnis von 51 zu 27 für Unsicherheit.

Ein weiteres Charakteristikum der aktuellen Entwicklungen ist sicherlich die Komplexität. In den Augen der Bevölkerung überwiegt die "Komplexität" gegenüber der "Einfachheit".

Auf die Frage nach der Richtung des Wandels, also auf welcher Ebene diese Veränderungen stattfinden, zeigt sich eine Pattstellung: Die Österreicher entscheiden sich im Verhältnis von 38 zu 34 für die internationale Charakteristik des Wandels im Vergleich zur nationalen, regionalen.

Im Verhältnis von 45 zu 27 entscheiden sich die Österreicher mehr für die positive als für die negative Zuordnung des Wandels. Etwas mehr als ein Viertel gibt die Mittelposition dazu an.


 

 

 

Zeit des Umbruchs: Das Comeback der Zufriedenheit in der Bevölkerung

2018 zeigt die Frage nach der gesellschaftlichen Zufriedenheit eine eindeutige Trendumkehr in bereits vier Messungen: Rund zwei Fünftel der Österreicher sind der Meinung, dass die meisten Menschen mit ihrer Lebenssituation zufrieden sind. Im Jänner, April und Mai 2018 sind es 44 Prozent und im Juni/Juli 2018 41 Prozent, die den Eindruck haben, dass ihre persönliche Umgebung alles in allem zufrieden ist. Etwas mehr als ein Drittel ist vom Gegenteil überzeugt, ein Fünftel kann sich dazu nicht äußern. Dies ist eine beachtliche Trendumkehr in Hinblick auf die mittel- und langfristigen Forschungsergebnisse.

Seit 2006 konnte das IMAS Institut keine so deutliche Zufriedenheit mehr in Österreich wie im vergangenen Jahr 2018 messen.

In der aktuellen Dekade erschien der Bevölkerung die Grundstimmung im Dezember 2008 und August 2010 am negativsten, im Langzeittrend der letzten vier Dekaden im Dezember 2007. Ein positives Stimmungsklima konnte vor allem 1984 und 1985 gemessen werden. Damals ist jeder Zweite von einer Zufriedenheit in der Bevölkerung ausgegangen.

Kein wirklicher Zukunftspessimismus spürbar

Die Einschätzung der Österreicher für die Zukunft fällt unterschiedlich aus. Mehr als tausend Personen wurden im Rahmen von sogenannten face-to-face Interviews befragt, um das Stimmungsklima für die Zukunft einzufangen.

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Als Fazit der Studie ist festzuhalten: Die Zukunftsperspektive ist durch die anhaltende Orientierungslosigkeit und den gesellschaftlichen Wandel geprägt. Zwei von fünf Österreichern können die Zukunft nicht beurteilen, die systemrelevanten Entwicklungen sind nur leicht positiv, während die eigene persönliche Lebenslage auf die kommenden Jahre klar positiv erscheint. Echter Zukunftspessimismus liegt nicht vor, aber das eigene Lebensalter entscheidet die Einschätzung der Zukunft massiv.

Im Detail: 37 Prozent der Österreicher können den Begriff "Zukunft" nicht bewerten. Darunter sind vor allem Personen ab 60 Jahren. Im Verhältnis von drei zu eins überwiegt unter den Urteilsfähigen der positive Eindruck. 42 Prozent der Bevölkerung haben eine positive Einschätzung zur Zukunft, nur 15 Prozent würden diese negativ einschätzen. Besonders positiv denken vor allem Personen unter 35 Jahren und Menschen mit höherer Bildung.

Eindruck der Spaltung der österreichischen Gesellschaft herrscht mehrheitlich vor

Insgesamt machten sich in den letzten Jahren – insbesondere seit dem österreichischen Präsidentschaftswahlkampf, der BREXIT-Entscheidung und der Wahl von Donald Trump zum US Präsidenten – viele Beobachter der politischen Szene Gedanken über etwaige Spaltungstendenzen in der jeweiligen Bevölkerung.

In einer Messung im November 2017 bejahten 48 Prozent der Bevölkerung zumindest einigermaßen den Satz, dass Österreich in politischer Hinsicht ein gespaltenes Land ist und sich deutliche Gegensätze in der Bevölkerung auftun (17% "voll und ganz" und 31% "einigermaßen"). Dem Gegenteil hätte sich rund ein Viertel angeschlossen (22% "eher nicht" und 6% "überhaupt nicht"). Im Verhältnis von 48 zu 28 spricht somit die Bevölkerung von Spaltungstendenzen.

Die offene Frage danach, in welchen politischen Bereichen sich diese Bruchlinien ergeben, zeigt ein deutliches Bild: Die Spaltung ist monothematisch: Es ist die Zuwanderung und Integrationsdebatte inklusive der Flüchtlingskrise. Zwei Drittel derjenigen, die diese Spaltung der Gesellschaft orten, nennen dieses Thema. An weiterer Stelle werden das Sozialsystem bzw. Ungerechtigkeiten (18%), die Schere zwischen Arm und Reich (12%) und das Thema Bildung (11%) geäußert. Kaum andere Themen polarisieren.

Die neuen Generationen unterscheiden sich in vielen Lebenseinstellungen

Vieles wird über die neuen, heranwachsenden Generationen analysiert und publiziert. Den Altersgruppen werden Buchstaben zugeordnet und sie werden in Kategorien eingeteilt. Die Jungen sind Trend-Scouts in einer sich permanent verändernden Zeit und sie gelten als Vorboten einer neuen Zeit. Sie sind eine Generation, die in gewissen Bereichen anders denkt, anders entscheidet und sich vor allem an anderen Aspekten im Leben orientiert als die bisherige.

Zunächst kann als Faustregel gelten: Es gibt zahlreiche Bereiche, die die Unterschiede der Generationen deutlich aufzeigen, viele Bereiche weisen jedoch wiederum kaum Abweichungen auf. Somit liegt eine stark im Wandel befindliche Gesellschaft zwischen einer gewissen Kontinuität und Veränderung. Interessanterweise liegt die Generation Y nahezu immer zwischen der Generation Z und den Befragten der 60+ Bevölkerung.

Die Liste der größten Differenzen zeigt hierbei deutlich auf: Es geht der Gruppe der unter 35-Jährigen eher um digitale Kommunikation, eine stärkere Zukunftsorientierung, einen ausgeprägten Fun-Faktor und eine flexible Lebensführung.


Die neuen Kommunikationswelten – die Kommunikationswelten verändern sich und "live" nimmt deutlich zu

Der Trend ist eindeutig, eine digitale Welle rollt weiterhin auf uns zu: Die Zahl der täglich in der virtuellen Welt Aktiven hat sich in den letzten 19 Jahren vervierfacht. 56 Prozent der Österreicher geben in der ÖVA 2018 (Österreichische Verbraucheranalyse) an, das Internet nahezu täglich zu nutzen – 76 Prozent der Bevölkerung sind zumindest mehrmals monatlich im Netz.

Der Anteil der Internet-Asketen, also der Menschen, die das Internet kaum oder gar nicht nutzen, hat sich seit dem Jahr 2000 um 45 Prozentpunkte vermindert. Nur noch jeder Vierte bleibt dem virtuellen Raum konsequent fern. Besonders internetaffin sind jüngere Menschen und Menschen mit höherem Bildungsabschluss.

Auch die Zahl der Social Media-Nutzer erhöhte sich rapide: Seit 2008 ist der Anteil der intensiven Nutzer von Web 2.0 Applikationen von drei Prozent auf 22 Prozent angestiegen und im erweiterten Kreis inklusive der "Ab und zu"-Nutzer von neun Prozent auf 54 Prozent. Social Media durchdringt nun die Gesellschaft, schafft aber auch unter den Internet-Nutzern verschiedene Anwendungsbereiche, ein verändertes Nutzungsverhalten und unterschiedliche Nutzungsgeschwindigkeiten.

Politische Zufriedenheit steigt wieder, die kritischen Stimmen sind aber in der Mehrheit

Die Zufriedenheit mit den österreichischen Parteien ist nicht besonders hoch ausgeprägt, wenn auch im Vergleich zu den Vorjahren die Zustimmung steigt. Auf Basis dreier unterschiedlicher Aussagen zur Parteienlandschaft wurden die Österreicher gebeten, sich festzulegen und ihren Eindruck vom aktuellen Parteiangebot zu äußern.

Insgesamt sind es zwei Fünftel der Entschiedenen, die sich leicht für eine Partei entscheiden können und meinen, dass es für jeden Staatsbürger eine Partei mit dem richtigen Programm gibt. Eine gewisse Unzufriedenheit zeigt sich bei mehr als zwei Fünftel der Bevölkerung, die eine Aussage zu der Parteienlandschaft in Österreich macht. 17 Prozent der entschiedenen Befragten sind gänzlich unzufrieden und fordern eine neue Partei, die die heutigen Probleme anders anpackt. Dieses Antwortmuster verteilt sich relativ gleichförmig über die bisher beschriebenen soziodemografischen Gruppen.

Der Trend seit 1978 unter sogenannten Entschiedenen ist besonders aufschlussreich: In der aktuellen Messung zeigt sich vielleicht kein Comeback der Werte aus dem Jahr 1978, aber ein deutlich besserer Zuspruch zum Parteiensystem. Insgesamt lässt diese Zeitreihe aber auch den Schluss zu, dass es eine gewisse Mindestgröße an Proteststimmen im österreichischen Meinungsspektrum gegen die bestehenden Parteien gibt.

 

 

 

2 von 6 Kernthesen des Buchs zum Abschluss:

Die digitale Spaltung: Neue Kommunikationsformen vertiefen die Kluft innerhalb der Gesellschaft. Was zunehmend entsteht, ist eine Gesellschaft der Individualisierung und des Rückzugs. Wir orientieren uns mehr und mehr nur noch am Heute.

Familie und Freunde: Sie gewinnen an Bedeutung für uns, werden in Zeiten des Wandels zu Leuchttürmen, in deren Licht wir wichtige Entscheidungen fällen. Was wichtig ist, wird im engen sozialen Kreis besprochen, durch diesen auch beeinflusst. Heimat ist somit durch und durch positiv besetzt – und als Begriff flexibel.

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PDF des vollständigen Reports mit zusätzlichen Charts: Status Österreich...