Beiträge
Politprominenz mit wenig USP
![]() |
||
| Politprominenz mit wenig USP |
||
| Basis: Österreichische Bevölkerung ab 16 Jahre |
||
|
Nur der FPÖ-Obmann Strache verfügt über politische Monopoleigenschaften („Unique Selling Proposition“), die Hauptstärke des FPÖ-Chefs lautet „Attraktivität für die Jugend“. Die mangelnde Persönlichkeitswirkung ihrer Spitzenkandidaten zwingt SPÖ, ÖVP, GRÜNE und BZÖ zum Punkten mit politischen Konzepten. |
||
|
Die Stimmenanteile der Parteien haben sich in den IMAS-Umfragen der letzten Wochen trotz eines Tornados von Skandalen praktisch nicht verändert. Die SPÖ wird von ca. 26–28 Prozent der Wähler bevorzugt, ÖVP und FPÖ pendeln zwischen etwa 24–26 Prozent, die GRÜNEN liegen bei maximal 13–14 Prozent und das BZÖ bei rund 5–6 Prozent. Dies bedeutet, dass Rot, Schwarz und Blau nahezu gleich große Anhängerschaften besitzen. Unter statistischen Aspekten ist es derzeit unmöglich zu sagen, welche Partei bei einer jetzt stattfindenden Nationalratswahl die Nase wirklich vorn hätte. Keinesfalls ließe sich eine gesicherte Aussage darüber treffen, welche Partei den 2. oder 3. Platz besetzt. Dieser Sachverhalt ist für die politische Diagnose von weitreichender Bedeutung, denn er dokumentiert nicht nur eine Pattsituation, sondern signalisiert auch eine Art Entscheidungsparalyse der Bevölkerung. Die Wähler tun sich augenscheinlich besonders schwer, einer der drei an der Spitze liegenden Parteien den Vorzug zu geben. In einer solchen Situation gibt die Persönlichkeitswirkung der Spitzenkandidaten als Zusatzkriterium den Ausschlag für die Wahlentscheidung: Man wendet sich jener Persönlichkeit zu, die am überzeugendsten erscheint. Ausgehend von dieser Erkenntnis hat das IMAS in einer Umfrage unter 1.009 Personen Nachschau |
||
|
gehalten, wie die österreichischen Spitzenpolitiker anhand von vier Qualitätsmerkmalen beurteilt werden. Geprüft wurde zunächst die vermeintliche Eignung der Politiker zur Leitung eines großen Industrieunternehmens sowie zur Leitung eines Krisenstabs im Falle einer schweren Katastrophe. Außerdem interessierte die Fähigkeit der Spitzenper-sönlichkeiten, die Jugend zu begeistern. Schließlich wurde vom IMAS ermittelt, wie die Politiker auf dem Bildschirm wirken und wie sie ganz allgemein beim Publikum an- kommen. Einbezogen in den Test wurden die Parteichefs, ergänzt durch die Minister Fekter, Hundstorfer und Mitterlehner |
||
|
sowie die Sozialpartner Christoph Leitl und Erich Foglar. In den Zeugnissen zu den meisten demoskopischen Prüfungsgegenständen sucht man vergeblich nach Prädikatsnoten für die in den Test einbezogenen Führungspersönlichkeiten. Im Gegenteil: 54 Prozent der Österreicher können sich keinen bestimmten Spitzenpolitiker als Leiter eines Krisenstabs vorstellen, jeweils mehr als 40 Prozent bezweifeln die Eignung der Politprominenz zur Leitung eines großen Wirtschaftsunternehmens oder zur Begeisterung der Jugend.
Die Eignung als IndustriekapitänWas die Führungskompetenz für einen Industriebetrieb betrifft, verweisen 20 Prozent der Österreicher am ehesten auf Kanzler Faymann und 17 Prozent auf den de facto Industriellen Christoph Leitl. Natürlich fällt bei dem Ergebnisvergleich die zum Teil recht unterschiedliche Bekanntheit der in den Test einbezogenen Kandidaten ins Gewicht. Ein sehr bekannter Politiker hat logischerweise eine ungleich größere Chance, lobend hervorgehoben zu werden als einer, den vergleichsweise wenige Menschen beurteilen können. Um diesen verzerrenden Effekt auszuschalten und die Befragungssituation zu neutralisieren, hat das IMAS daher auch eine Bewertung auf der Basis der Bekanntheit vorgenommen. Nunmehr nimmt Leitl – von 31 Prozent seiner „Kenner“ ins Treffen geführt – den Spitzenrang als Industriekapitän ein; Faymann fällt auf Platz 2 zurück.
Die Fähigkeit zur Leitung eines KrisenstabsGanz besonders schlecht bestellt ist es in den Augen der Bevölkerung mit der vermuteten Handlungsfähigkeit der Politiker in einer Katastrophensituation. Auch Kanzler Faymann ist trotz Amtsbonus nur für ein rundes Fünftel der Bevölkerung als Leiter einen Krisenstabs vorstellbar. Bei den anderen Persönlichkeiten liegen die entsprechenden Hinweise noch erheblich tiefer. Im Grunde wünschen sich die Österreicher bei allen Politikern, dass ihnen die Bewältigung einer Katastrophensituation durch sie erspart bleibt.
Die Eignung zur Ansprache der JugendVöllig anders als in den bisherigen Szenarien reagiert die Bevölkerung auf die Frage, welcher Politiker am ehesten geeignet ist, die Jugend zu begeistern. In dieser Beurteilungskategorie gibt |
||
|
es einen haushohen Favoriten, nämlich Heinz Christian Strache. Von der Gesamtbevölkerung sind es 42 Prozent, von den „Kennern“ des FPÖ-Chefs sogar 46 Prozent, die ihm die größte Faszination für die Jugend zugestehen. Allen anderen politischen Entscheidern wird der eminent wichtige Vorzug, für die Jugend attraktiv zu sein, in einem verschwindend geringen Ausmaß – von jeweils weniger als zehn Prozent der Wähler – zuerkannt. Die Bevorzugung Straches in der gegenständlichen Beurteilungskategorie ist so einseitig, dass das Ergebnis förmlich als Ausdruck der Untauglichkeit der übrigen Politiker für die Ansprache der Jugend anmutet. |
||
Die Gesamtwirkung der PolitikerTendenziell ähnlich, wenngleich nicht ganz so augenfällig ist die Überlegenheit des FPÖ-Obmanns hinsichtlich des Erscheinungsbilds im Fernsehen und der generellen Publikumswirkung. In dieser |
||
|
Kategorie verweisen von den jeweiligen Kennern der Politiker 38 Prozent auf Strache, 28 Prozent auf Faymann, jeweils 13 Prozent auf Spindelegger und Mitterlehner und 10 Prozent auf Eva Glawi-schnig. Äußerst mäßige Popularitätswerte werden Leitl, Bucher, Hundstorfer, Fekter und insbesondere dem Gewerk-schaftschef Erich Foglar nachgesagt. In einer kumulierten Betrachtung auf der Basis aller Nennungen in den vier Testbereichen schneidet Strache mit einem Total von 110 Prozent mit Abstand am besten ab. Bei Faymann summieren die Hinweise auf 76 Prozent, bei Leitl auf 55 Prozent, bei Mitterlehner auf 44 |
||
|
Prozent und bei Spindelegger (der freilich mit dem Nachteil einer noch sehr kurzen Zeit zur Profilierung ins demoskopische Rennen ging) auf 40 Prozent. Deutlich abgeschlagen in der Ge- samtwertung sind Hundstorfer, Glawischnig, Fekter, Bucher und Foglar. Die Verankerung der Politiker in der eigenen ParteiIn weiterer Folge richtete sich die analytische Neugier darauf, wie fest die Überzeugung von den Vorzügen der Politiker innerhalb ihrer jeweiligen Parteien verankert ist. Demnach sind Sozialdemokraten und Freiheitliche*) in fast gleicher Intensität von der Eignung ihrer Repräsentanten (Faymann und Strache) sowohl für die Führung eines Industrieunternehmens, als auch für die Leitung eines Krisenstabs überzeugt. ÖVP-Chef Spindelegger erhält von den eigenen Parteianhängern vergleichsweise etwas schlechtere Noten. Kaum vorstellbar für beide Aufgabenbereiche sind auch bei den eigenen Anhängern die GRÜNE Glawischnig und der BZÖ-Boss Bucher. Was die vermutete Wirkung auf die Jugend betrifft, hat im eigenen Lager nur Heinz Christian Strache gute Karten. Wähler der GRÜNEN räumen ihrer Kandidatin für die Ansprache der Jugend allenfalls mittelmäßige Chancen ein, Faymann, Spindelegger und insbesondere Bucher erwecken hingegen nicht nur in der Gesamtbevölkerung sondern auch bei ihren Parteianhängern sehr schwache Illusionen, die Jugend mitreißen zu können. In puncto der allgemeinen Fernseh- und Publikumswirksamkeit des eigenen Kandidaten hegen die Freiheitlichen ebenfalls den geringsten Zweifel am eigenen Kandidaten: 75 Prozent von ihnen weisen die größte Popularität Strache zu. Von Faymanns Ausstrahlung auf die Wähler ist hingegen nur mehr knapp jeder zweite SPÖ-Wähler überzeugt, die Identifikation der GRÜNEN mit Glawischnig beträgt 34 Prozent, die der ÖVP-Wähler mit Spindelegger lediglich 25 Prozent.Das Fazit der ErhebungDie zentrale Erkenntnis der IMAS-Studie besteht darin, dass – abgesehen von Strache – keiner der österreichischen Spitzenpolitiker eine publikumswirksame Monopoleigenschaft im Sinne eines USP (Unique Selling Proposition), besitzt. Weder Faymann noch Spindelegger, noch Glawischnig oder Bucher haben das Zeug, ihren Parteien als Wahlkampflokomotiven Stimmen zu verschaffen, die auf Persönlichkeitswirkungen beruhen. Unter diesen Umständen sind SPÖ, ÖVP, GRÜNE und BZÖ darauf angewiesen, mit Hilfe ihrer politischen Konzepte die Wählergunst zu erringen. Sie müssen auf die Überzeugungskraft ihrer Programme, aber auch auf den Eindruck ihrer moralischen Integrität setzen. Und noch eine dritte Bedingung ist unverzichtbar für den Erfolg einer Partei: Der Eindruck der Geschlossenheit. Die Politforschung ist überreich an Beispielen dafür, dass der Eindruck der Einigkeit innerhalb einer Partei eines der wichtigsten Kriterien für deren Einschätzung darstellt. Die Wähler fühlen instinktiv, dass politische Handlungsfähigkeit ohne inneren Zusammenhalt nicht möglich ist. Aus einer Wahlkampfbeobachtung des Instituts für Demoskopie Allensbach*) geht hervor, dass die Vorstellung von der Geschlossenheit, die eine Partei vermittelt, mit ihren Wahlchancen weitgehend parallel verläuft.Fragestellungen zur Ermittlung der RollenbilderDie Rollenvorstellungen von den Spitzenpolitikern wurden mit den nachstehenden Fragen durchgeführt: 1. „Hier stehen einige Politiker. Von welchen davon haben Sie schon gehört oder gelesen? Bitte nennen Sie einfach die entsprechenden Nummern.“ (Vorlage einer Liste) 2. „Welchen dieser Politiker könnten Sie sich auch als Chef eines großen Industrieunternehmens vorstellen; wer hätte am ehesten das Zeug dazu, ein Unternehmen zu führen?“ 3. „Und welcher dieser Politiker würde sich Ihrer Meinung nach am besten als Leiter eines Krisenstabs eignen, wenn es darum geht, in einer Katastrophensituation rasch und richtig zu entscheiden?“ 4. „Wer von diesen Politikern ist Ihrem Eindruck nach am ehesten geeignet, die Jugend zu begeistern?“ 5. „Was vermuten Sie: Wer von diesen Politikern wirkt im Fernsehen besonders gut, wer kommt sozusagen gut an bei den Leuten?“
*) Angesichts der relativ schwachen Präsenz des BZÖ in der Bevölkerung wurden beide freiheitlichen Parteien aus statistischen Gründen zur Gesamtgruppe „Freiheitliche“ zusammengefasst.
|
||
DOKUMENTATION |
|
| Zeitraum der Umfrage: | 19. August – 02. September 2011 |
| Sample: | n=1.009 Personen, statistisch repräsentativ für die österreichische Bevölkerung ab 16 Jahren, Quotaauswahl, face-to-face |
| Zahl der Interviewer: | 91 |
| Archiv-Nummer der Umfrage: | 011081 |





